Bandscheibenvorfall

Ursache, Symptome, Osteopathische Behandlungen

Sie heben eine Getränkekiste aus dem Auto, spielen gerade Tennis oder wollen sich den Schuh zubinden und plötzlich schießt ein Schmerz durch Ihren Rücken – dann kann ein Bandscheibenvorfall Ursache der meist sehr starken Schmerzen sein. Bei einigen Patienten strahlen die Beschwerden in die Arme und Beine aus. Die Gliedmaßen können dann kribbeln, einschlafen oder sich taub anfühlen.

Bandscheibenvorfall im unteren Rücken (Lendenwirbelsäule).

Bildnachweis: © Henrie / Fotolia

In der Regel lassen sich Bandscheibenvorfälle gut mit einer Kombinationstherapie aus Schmerz- und entzündungshemmenden Mitteln sowie einer konservativen Therapie wie Krankengymnastik und Osteopathie behandeln. Treten in Folge des Bandscheibenvorfalls jedoch Lähmungen oder eine Inkontinenz auf oder lindern die gewählten Methoden die Schmerzen nicht dauerhaft, können Ärzte den Vorfall operieren.

Wichtig:

Nehmen Sie Ausfall- oder Lähmungserscheinungen an Armen oder Beinen wahr, rufen Sie bitte sofort die 112. Dann kann es sich um einen Notfall handeln, bei dem schnelle Hilfe erforderlich ist.

Ursachen von Bandscheibenvorfällen

Die menschliche Wirbelsäule unterteilt sich in verschiedene Bereiche: Die Halswirbelsäule trägt unseren Kopf. In Höhe der Brust liegt der Abschnitt der Brustwirbelsäule und über dem Gesäß die Lendenwirbelsäule. Zwischen den einzelnen Wirbeln befinden sich die Bandscheiben, die die Aufgabe kleiner Puffer übernehmen. Sie bestehen aus einer festen Hülle und einem gallertartigen Kern. So sind sie flexibel und können Stöße abfedern oder starken Druck minimieren, der beispielsweise entsteht, wenn wir schwer heben.

Über Nacht speichert der Gallertkern Flüssigkeit, sodass er tagsüber Druck abfedern kann. Trinken und bewegen wir uns jedoch zu wenig, ist diese Funktion gestört. Ebenso erhöht Übergewicht das Risiko für Bandscheibenvorfälle, genau wie stark belastende Sportarten und eine dauerhafte Fehlhaltung am Arbeitsplatz. Dann lastet auf den Faserringen der Bandscheiben so ein enormer Druck, dass sie Risse bekommen können. Eine falsche Bewegung reicht dann oft aus, damit der Gallertkern aus der Hülle tritt und auf die Nervenbahnen an der Wirbelsäule drückt.

Mögliche Ursachen:

  • Rückenbelastende Sportarten wie Tennis, Skifahren und Turnen
  • Fehlhaltungen am Arbeitsplatz durch falsch eingestellte Büromöbel
  • Schweres Heben bei der Arbeit oder im Garten
  • Vorerkrankungen der Wirbelsäule, die den Druck auf die Bandscheiben erhöhen
  • Übergewicht
  • Bewegungsmangel – fehlen der stützenden Muskulatur entlang der Wirbelsäule
  • Flüssigkeits- und Nährstoffmangel
  • Erkrankungen der Organe
  • Verklebte Faszien und verspannte Muskeln

Typische Symptome bei Bandscheibenvorfällen

In vielen Fällen bemerken Betroffene gar nicht, dass sie an einem Bandscheibenvorfall leiden. Erst wenn der Gallertkern auf die Nervenbahnen oder das Rückenmark drückt, kommt es zu den typischen Beschwerden: starke Schmerzen, die in Bewegung immer schlimmer werden.

In 90 Prozent der Fälle ist die Lendenwirbelsäule betroffen. Dort drückt die ausgetretene Bandscheibe auf den Ischiasnerv. Die Folge: Die Schmerzen ziehen oft bis in die Beine, sie beginnen zu kribbeln oder es kommt zu einem Taubheitsgefühl. Manchmal ist dann auch die Muskulatur geschwächt und die Betroffenen können nicht mehr auf den Zehenspitzen oder Fersen stehen.

Im Bereich des Brustbeins sowie an der Halswirbelsäule (HWS) treten deutlich seltener Bandscheibenvorfälle auf. Diese machen sich häufig mit Lähmungserscheinungen in den Armen sowie Schmerzen im Nacken bemerkbar. Gefährlich wird ein Bandscheibenvorfall in der HWS, wenn der Gallertkern auf das Rückenmark drückt. Dann kann es unter anderem zu einer Querschnittslähmung kommen – das ist im Bereich der Lendenwirbelsäule deutlich seltener der Fall.

Suchen Sie bei folgenden Symptomen bitte sofort einen Arzt auf. Hier besteht dringender Handlungsbedarf („Red Flags“ – das sind absolute Notfallanzeichen):

  • Starke Rückenschmerzen nach einen Unfall oder einer Verletzung
  • Schmerzen bei bestehender Osteoporose
  • Rückenschmerzen infolge eines Tumors
  • Wenn Sie unerwartet Gewicht verlieren
  • Fieber in Kombination mit Rückenschmerzen
  • Wenn die Rückenschmerzen nachts schlimmer werden
  • Voranschreitende und immer wiederkehrende Nervenausfälle
  • Nachlassende Schmerzen und Parese (unvollständige Lähmung)
  • Kauda-Syndrom (Querschnittlähmung)
  • Miktionsstörung (Harnverhalt, Überlaufblase, Inkontinenz)1

  Mehr über: Rückenschmerzen

Ärztliche und osteopathische Diagnose

Um herauszufinden, ob es sich bei starken Rückenschmerzen um einen Bandscheibenvorfall handelt, führen wir zunächst ein Anamnesegespräch durch und stellen Ihnen unter anderem folgende Fragen2:

  1. Wie sind die Beschwerden entstanden? Gab es einen Auslöser?
  2. Können Sie den Schmerz lokalisieren? Sitzt er am Hals, in Höhe des Brustbeins oder im unteren Rücken?
  3. Können Sie den Schmerz beschreiben? Ist er dumpf und drückend oder eher ziehend und schießend?
  4. Strahlt der Schmerz in Arme oder Beine aus?
  5. Seit wann haben Sie diese Beschwerden?
  6. Wann wird der Schmerz besser, wann schlimmer?

Weiterhin befragen wir Sie zu Ihren Lebensgewohnheiten, welchen Freizeitaktivitäten Sie nachgehen, ob und wie viel Sport Sie treiben und wie Ihr Arbeitsalltag aussieht – ebenso zu bekannten organischen Problemen, älteren Operationsnarben und Vorerkrankungen.

 

 

Anschließend untersuchen wir Sie körperlich – und zwar ganzheitlich. Dazu gehört beispielsweise, dass wir prüfen, ob neurologische Ausfallerscheinungen vorliegen, ob die Organe frei im Bauchraum liegen, wie beweglich die Wirbelsäule ist und ob Gliedmaßen kribbeln. Ein bekannter Test (Bragard-Test) ist zudem: Der Patient legt sich auf den Rücken und streckt die Beine aus. Der Arzt nimmt ein Bein und führt die Fußspitze gerade nach oben. Schießt dabei ein Schmerz durch den Rücken, ist das ein Anzeichen für einen Bandscheibenvorfall.

Der Ursache auf den Grund gehen

Wichtig ist außerdem, die Ursachen für den Bandscheibenvorfall zu finden. Denn oft stecken dahinter mehrere Faktoren. Beispielsweise kann das Stoffwechselsystem gestört sein. Dann fehlen dem Körper Mikronährstoffe wie Vitamin D, Eisen, Zink oder Magnesium. In einigen Fällen gerät auch der Säure-Basen-Haushalt aus dem Gleichgewicht. Das kann zu einer Schwäche des Gewebes führen. Menschen, die Jahrzehnte lang rauchen, erhöhen ihr Risiko für Arteriosklerose, also einer Verkalkung der Hauptschlagader. Das sorgt dafür, dass das Muskulatur, Bänder und Sehnen rund um die Bandscheibe schlechter durchblutet werden. Auch die Hülle der Bandscheibe kann in Mitleidenschaft gezogen werden.

Neben ruckartigen Bewegungen und belastenden Sportarten können auch Fehlhaltungen, Flüssigkeitsmangel und verklebte Faszien dazu beitragen, dass auf den Bandscheiben mehr Druck lastet, als sie aushalten. Wir untersuchen dann, ob über verklebte Faszien, Narben oder Muskelketten verschiedene Druck- oder Zugkräfte auf die Wirbelsäule wirken.

Außerdem müssen wir andere Ursachen für die Schmerzen ausschließen, da häufig bei Spinalkanalstenosen, also einer Einengung eines bestimmten Nervs, ähnliche Beschwerden auftreten wie bei einem Bandscheibenvorfall. Auch eine Arthrose im Hüftgelenk oder eine arterielle Verschlusskrankheit verursachen Rückenschmerzen.

Bei einem Verdacht auf einen Bandscheibenvorfall ist es häufig notwendig, bildgebende Verfahren wie Computertomographie (CT) oder Magnetresonanztomographie (MRT) einzusetzen, um zu lokalisieren, wo genau sich der Vorfall befindet und wie stark der Kern auf Nerven oder Rückenmark drückt.

Behandlungsmöglichkeiten von Bandscheibenvorfällen

Laut einer Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Neurologie gliedert sich eine Therapie bei Bandscheibenvorfällen in folgende Bereiche – je nach Schwere der Beschwerden: Aufklärung, Rückenschule und Bewegungstherapie, physikalische und manuelle Therapie, Pharmakotherapie und invasive beziehungsweise operative Verfahren.3

Oft kann ein Bandscheibenvorfall mit Osteopathie behandelt und so eine Operation vermieden werden.

Bildnachweis: Osteomedicum Kiel

Die passende Behandlung richtet sich also immer nach den konkreten Symptomen der Patienten. Sie ist individuell von Patient zu Patient unterschiedlich. In den meisten Fällen können die Beschwerden mit einer Kombinationstherapie aus schmerzstillenden und entzündungshemmenden Mitteln, einer manuellen Therapie und im weiteren Verlauf mit kräftigenden und wirbelsäulenstabilisierenden Übungen gelindert werden. Operationen sind in der Regel erst sinnvoll, wenn alle anderen Methoden nicht anschlagen – oder es sich um Notfälle handelt.

Kombination aus Schmerzmitteln und Osteopathie

Wir verbinden bei unseren Behandlungen schulmedizinische und osteopathische Methoden, um Bandscheibenvorfälle so sanft wie möglich zu heilen. Die Einnahme von Medikamenten ist dabei häufig sinnvoll, um die Patienten kurzfristig von den enormen Schmerzen zu befreien. Das ist wichtig, da viele bei starken Beschwerden eine Schonhaltung einnehmen und so dafür sorgen, dass der gesamte Körper in eine Schieflage gerät und Muskeln verspannen.

Außerdem sind häufig die Nervenbahnen entzündet, wenn der Gallertkern auf sie drückt. Dann helfen entzündungshemmende Mittel, um die Schmerzen zu lindern. In einigen Fällen kommen auch muskelentspannende Medikamente zum Einsatz. Damit soll eine verkrampfte Muskulatur gelockert und die damit einhergehenden Beschwerden minimiert werden.

Früher empfahlen Ärzte, bei Rückenschmerzen das Bett zu hüten. Diese Einschätzung ist längt überholt. Besser ist es, bereits frühzeitig mit einer manuellen Therapie zu beginnen.4 Dabei geht es darum, die Beweglichkeit der Wirbelsäule zu erhalten, die Bandscheiben weiterhin mit Flüssigkeit zu versorgen und die Muskulatur zu lockern. Das geschieht bei uns zum Beispiel mit funktionellen Techniken, General Osteopatic Treatments (GOT), also Behandlungen, die unter anderem das Lymphsystem anregen oder mithilfe von Muskel-Energie-Techniken (MET). Dabei behandeln wir die akut betroffenen Segmente der Wirbelsäule sehr vorsichtig und mit wenig Kraft.

Eine osteopathische Behandlung zielt zudem darauf ab, die Ursachen der Beschwerden zu beheben, um weitere Bandscheibenvorfälle in der Zukunft zu vermeiden. Beispielsweise reduzieren wir mithilfe spezieller Techniken des Fasziendistorsionsmodells Spannungen, sprich: Wir massieren das Bindegewebe so, dass wir Muskulatur und Faszien lockern – was einer Studie zufolge chronische Rückenbeschwerden lindern kann.5

Langfristig sollte das Ziel einer Behandlung sein, die Muskeln rund um die Wirbelsäule so zu stärken, dass sie die Bandscheiben entlasten. Dazu zeigen wir Ihnen verschiedene Übungen, die Sie später auch zuhause durchführen können. Weiterhin geben wir Ihnen Ernährungstipps und Empfehlungen zur Entsäuerung des Gewebes mit basischen Anwendungen.

Osteopathische Therapiemöglichkeiten bei Bandscheibenvorfällen:

  • Ganzheitliche Osteopathische Behandlung (GOT), Littlejohn und Wernham
  • Strain-Counterstrain, Lawrence Jones
  • Muskel-Energie-Techniken (MET), Fred Mitchell
  • Fasziendistorsionsmodell (FDM) Stephen Typaldos
  • kraniosakrale Techniken / Sutherland-Techniken, Dr. Sutherland
  • funktionelle Techniken
  • parietale Techniken mit High Velocity Low Amplitude (HVLA)
  • Balanced ligamentous tension (BLT)
  • viszerale Techniken nach Barrall

Erfolgsaussichten – Studien

Manuelle Therapie und weitere osteopathische Behandlungen können bei Bandscheibenvorfällen – besonders mit Nervenreizungen – gute Ergebnisse erzielen. Einer österreichischen Studie zufolge konnten damit vor allem die Schmerzen signifikant gelindert werden, sodass die Patienten wieder besser am sozialen Leben teilnehmen konnten.6 Weiterhin gibt es ärztliche Leitlinien, die besagen, dass Operationen bei Bandscheibenvorfällen häufig nicht nötig sind – sondern nur dann zum Einsatz kommen sollten, wenn konservative Therapien nicht helfen oder die sogenannten „Red Flags“ vorliegen.7

Für unsere Patienten, die häufig unter Rückenschmerzen leiden, bieten wir eine Rückensprechstunde an. Wir begleiten Sie ein Jahr lang intensiv und behandeln die Ursachen Ihrer Schmerzen ganzheitlich – gerade bei organischen Problemen können in diesem Zeitraum Studien zufolge gute Erfolge erzielt werden.8

Vorbeugen und den Rücken stärken

  • Unterstützen Sie Ihre Wirbelsäule, indem Sie sich regelmäßig bewegen und die Muskulatur im Rücken gezielt, am besten unter professioneller Anleitung, stärken.
  • Streben Sie ein normales Gewicht an und ernähren Sie sich gesund, um Ihre Bandscheiben, Sehnen, Bänder und Muskeln mit allen wichtigen Nährstoffen zu versorgen.
  • Heben Sie nicht zu schwer – und vor allem immer aus der Hocke heraus.
  • Überprüfen Sie Ihren Arbeitsplatz, achten Sie auf ergonomische und höhenverstellbare Büromöbel und lassen Sie sich Übungen für Ihren Rücken zeigen, die Sie zwischendurch im Sitzen ausführen können.
  • Stehen Sie regelmäßig auf und gehen Sie einige Schritte. Nutzen Sie die Mittagspause für einen Spaziergang oder wandern Sie beim Telefonieren durch Ihr Büro.

Meiden Sie rückenbelastende Sportarten wie Tennis und Skifahren – besser sind Schwimmen, Yoga, Aqua-Sport, Pilates, Fahrradfahren und Walken.


Quellennachweise:

1 – Vgl.: S2k-Leitlinie „Lumbale Radikulopathie“ der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (Stand: September 2012)
2 – Vgl.: Niethard, F.U., Pfeil, J., Biberthaler, P.: Duale Reihe Orthopädie und Unfallchirurgie, Thieme, 2009, Seite 7.
3 – Vgl.: S2k-Leitlinie „Lumbale Radikulopathie“ der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (Stand: September 2012)
4 – Vgl.: Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Orthopädische Chirurgie e. V. (DGOOC): Bandscheibenvorfälle mit radikulärer Symptomatik, konservative und rehabilitative Versorgung. AWMF-Leitlinien-Register Nr. 033/048 (Stand: 31.7.2014)
5 – Vgl.: Langevin, H.M., Fox, J.R., uvm.: Reduced thoracolumbar fascia shear strain in human chronic low back pain, BMC Musculoskeletal Disorders, 2011.
6 – Vgl.: Rachinger, J.: Osteopathie und ihre Wirkung auf lumbale, diskogene Radikulopathien bei CT-gezielt periradikulär infiltrierten Patienten. Wiener Schule für Osteopathie, 2011
7 – Vgl.: Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Orthopädische Chirurgie e. V. (DGOOC): Bandscheibenvorfälle mit radikulärer Symptomatik, konservative und rehabilitative Versorgung. AWMF-Leitlinien-Register Nr. 033/048 (Stand: 31.7.2014)